
Wie auch immer du es betrachtest, Einsamkeit ist heute deutlich häufiger geworden. Von sozialen Medien bis hin zu einer Kultur des "Ich, ich, ich" leben wir in einer hyperindividualisierten Welt.
Diese Realität widerspricht einer grundlegenden biologischen Wahrheit: Wir sind auf Kontakte ausgerichtet. [75] Für Frauen sind soziale Bindungen eine Quelle des Glücks und ein zentraler Bestandteil unseres Stressmanagement- und Gesundheitssystems.
Erinnerst du dich an die zuvor erwähnte Tend-and-befriend-Theorie, die beschreibt, wie Frauen in Stresssituationen aktiv Kontakt suchen? Das bedeutet, dass dein tief verankertes Instinktprogramm bei Stress darauf ausgerichtet ist, dich anderen Menschen zuzuwenden. [44]
Deshalb kann sich ein Telefongespräch mit deiner besten Freundin nach einem schwierigen Arbeitstag wirksamer anfühlen als das Binge-Watching deiner Lieblingsserie (obwohl das natürlich auch helfen kann).
Der Kontakt zu anderen setzt Oxytocin, Dopamin und Serotonin frei. Diese drei Neurotransmitter erzeugen ein verstärktes Gefühl von Wohlbefinden. [75] Vereinfacht gesagt: Deine Biologie belohnt dich als Frau dafür, bedeutungsvolle Beziehungen zu pflegen.
Familie
Für die meisten Menschen ist die Familie die Wurzel aller sozialen Kontakte. Stabile und liebevolle familiäre Beziehungen fördern sowohl die mentale als auch die körperliche Gesundheit.
Für Frauen beginnt die Emotionsregulation, die gute Beziehungen ermöglichst, schon sehr früh. Studien zeigen, dass Mädchen, die positive Erziehungsstile, beständige Wärme und emotionale Feinfühligkeit von ihren Eltern erfahren, später stabilere Cortisolmuster entwickeln und besser mit Stress umgehen können. [76]
Ebenso fand eine andere Untersuchung heraus, dass Menschen, die in ihrer frühen Kindheit belastende Beziehungen erlebt haben, als Erwachsene höhere Entzündungswerte aufweisen als diejenigen, die gesunde Beziehungen hatten. [77]
Diese beiden Studien verdeutlichen, wie wichtig es ist, schon früh starke familiäre Bindungen aufzubauen, bevor du heiratest oder eine eigene Familie gründest.
Wie sieht es mit der Ehe aus?
Laut Literaturüberblick hängt der Beitrag der Ehe zur Frauengesundheit stark von der Qualität der Beziehung und der ehelichen Zufriedenheit ab. [78, 79]
In einer 13 Jahre lange Studie untersuchten Forscherinnen und Forscher 493 Frauen im Alter zwischen 42 und 50 Jahren und betrachteten Risikofaktoren für die Gesundheit während und nach der Menopause. Die Gruppe umfasste verheiratete, alleinstehende, geschiedene Frauen sowie solche, die mit einem Partner zusammenlebten.
Die Forschenden stellten fest, dass verheiratete Frauen mit hoher Zufriedenheit gesundheitliche Vorteile im Vergleich zu den anderen Teilnehmerinnen hatten. Zu diesen Vorteilen gehörten unter anderem:
- Niedrigere Werte psychosozialer Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Depressionen, Angstzustände und Ärger
- Niedrigerer Blutdruck, geringere Cholesterinwerte und ein niedrigerer Body-Mass-Index [79]
Zu den Gründen, warum gute Ehen die Gesundheit fördern können, zählen:
- Mehr verfügbare sozioökonomische Ressourcen in einem Zwei-Personen-Haushalt
- Einfluss des Partners auf gesündere Lebensgewohnheiten und der Wunsch, für andere da zu sein
- Weniger soziale Isolation
- Verbesserte soziale Unterstützung durch eine Person, die häufig erreichbar ist
Freunde
Echte Frauenfreundschaften sind unglaublich kraftvoll, besonders jene mit anderen Frauen. Einer der Gründe dafür ist, dass Frauen einfach besser darin sind als Männer, soziale Unterstützung zu geben und anzunehmen. [80] Tut mir leid, ihr lieben Männer, es ist einfach so.
Es bleibt nicht oberflächlich. Wenn Frauen Geschichten teilen, Frust abladen, sich gegenseitig stärken, füreinander einstehen oder gemeinsam so viel lachen, bis ihnen die Tränen kommen, schaffen sie emotionale Sicherheit.
Eine Studie mit Frauen in der Genesung nach Substanzgebrauch zeigte, dass Teilnehmerinnen mit stärkeren Beziehungen zu anderen Frauen mehr Hoffnung und ein höheres Selbstwertgefühl empfanden. [81]
Eine Langzeitstudie fand heraus, dass Menschen mit starken Freundschaften eine um 50 % höhere Wahrscheinlichkeit hatten, schwere Krankheiten zu überstehen. Das unterstreicht erneut, wie wichtig hochwertige Beziehungen sind. [82]
Doch stabile Freundschaften im Erwachsenenalter zu pflegen, ist für viele Frauen nicht immer leicht. Zwischen Arbeit, Elternsein, Fürsorge für andere und Verantwortlichkeiten rutscht Freundschaft oft ans Ende der Prioritätenliste.
Studien zeigen, dass Einsamkeit unter Frauen in der Lebensmitte stark zunimmt, mit deutlichen Auswirkungen auf die mentale und kardiovaskuläre Gesundheit. [83]
Aber das muss nicht so bleiben. Frauen sollten aktiv Freundschaften suchen, pflegen und darin investieren. Schreib zurück. Mach den Kaffeetermin aus. Frag nach ihrem Wohlbefinden. Feier ihre Erfolge wie deine eigenen. Mach dir die Mühe, es lohnt sich durchaus.
Fremde und die Kraft kurzfristiger Kontakte
Auch wenn der engste Kreis entscheidend ist, liegt großer Wert darin, dich auch mit anderen in Kontakt zu setzen. Das sind die sogenannten "schwachen Bindungen" in deinem Umfeld, dort wo du lebst, arbeitest oder regelmäßig vorbeikommst.
Das kann ein freundliches Gespräch mit der Barista in deinem Stammcafé sein, das Winken zu den Nachbarn, der kurze Austausch mit anderen Eltern an der Schule deiner Kinder oder die Menschen, mit denen du in einer lokalen Wohltätigkeitsorganisation zusammenarbeitest. Diese sozialen Begegnungen wirken vielleicht unbedeutend, können aber dein Gefühl von Glück und Zugehörigkeit steigern. [84]
Ja, selbst ein „Guten Morgen“ zum Busfahrer oder ein kurzer gemeinsamer Austausch mit jemandem in der Schlange tut deiner mentalen Gesundheit gut.
Wie sieht es mit digitalen Kontakten aus?
Technologie, besonders soziale Medien, ermöglicht es, dich von überall auf der Welt mit anderen zu vernetzen und Teil von Communities zu sein. Solche Onlinegemeinschaften vermitteln Zugehörigkeit und Solidarität für Frauen.
Dazu gehören zum Beispiel Gruppen für Mütter in der Postpartum-Phase oder berufliche Netzwerke über Kontinente hinweg. Es steht außer Frage, dass digitale Freundschaften ihren Platz haben.
Bei der Suche nach positiven digitalen Kontakten sollten Frauen allerdings auf Folgendes achten:
- Vergleichskultur: Plattformen wie Instagram und TikTok verstärken unrealistische Schönheits- und Lebensstilideale. Die ständige Konfrontation mit perfekt kuratierten Leben kann zu Unzufriedenheit, negativem Selbstbild, allgemeiner oder körperbezogener Frustration, FOMO und vielem mehr führen.
- Abhängigkeit von äußerer Bestätigung: Jedes Mal, wenn jemand deinen Beitrag liked, kommentiert oder teilt, schüttet dein Gehirn Dopamin aus. Mit der Zeit kann es passieren, dass du dich an diese digitale Bestätigung gewöhnst und sie zum Maßstab deines Selbstwerts wird. Plötzlich erscheint dir ein Foto erst dann gut genug, wenn es von hundert Menschen geliked wurde.
Es gibt also durchaus wertvolle Verbindungen online, doch du musst deinen digitalen Feed bewusst gestalten. Folge Accounts, die dich bilden, ermutigen und inspirieren. Stelle auf stumm oder entfolge allem, was Vergleiche schürt, Selbstzweifel auslöst, dich triggert oder deiner mentalen Gesundheit schadet. Lasse keinen Platz für negative Energie.
Es ist wichtig, Grenzen zu setzen
Wir haben bereits über die natürliche Beziehungsstärke von Frauen gesprochen, doch oft wird genau diese Stärke zu ihrem wunden Punkt.
Viele Frauen beginnen, nur noch für andere zu leben und nicht mehr für sich selbst. Das ist Selbstauflösung, ein Zustand, in dem deine eigenen Bedürfnisse kaum noch zählen. Deine Wünsche und Bedürfnisse sind wichtig. Du verdienst Fürsorge und Liebe genauso wie alle anderen. Mit klaren Grenzen kommt es nicht zu dieser Selbstauflösung.
Auch die Wissenschaft bestätigt dies. Studien zeigen, dass Unterstützung, wenn sie ungeschickt oder zu überwältigend ist, Stress eher verstärkt als lindert. [85]
Jeder Kontakt ist nur dann gesund, wenn er durch starke Grenzen ergänzt wird. Grenzen helfen dir zu definieren, was für dich in Ordnung ist und was nicht, wie viel du bereit bist zu geben. Darüber hinaus ermöglichen sie dir Entscheidungen, die deine Bedürfnisse, deine Energie und deine Belastbarkeit achten. So vermeidest du es, dich dauerhaft zu überfordern.
Du solltest Dinge sagen können wie: „Ich brauche einen ruhigen Abend zu Hause, weil ich erschöpft bin“ und dich dann auch daran halten. Das bedeutet auch, dass deine Kommunikation klar und einfach sein muss. Du musst dich nicht übermäßig erklären oder entschuldigen, wenn du dich für dich selbst entscheidest – außer natürlich, wenn du ohne drigenden Grund etwas Wichtiges absagst, zu dem du dich bereits freiwillig gemeldet hast.
Und zuletzt: Einsamkeit und Zeit für dich alleine sind nicht dasselbe. Du darfst Zeiten wählen, in denen du dich bewusst zurückziehst und neue Kraft schöpfst. [86] Manchmal kann es anstrengend und überwältigend sein, sozial zu sein. Zeit für dich hilft dir, wieder in Balance zu kommen. Das ist eine Fähigkeit, die jede Frau entwickeln und besitzen sollte.
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Referenzen
75. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6125010/
76. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0165032725010572
77. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3223962/
78. https://bmcpregnancychildbirth.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12884-022-04392-w
79. https://www.apa.org/news/press/releases/2003/09/marital-benefit
80. https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rstb.2021.0441
81. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9520295/
84. https://www.cmich.edu/podcast/episode/hello-stranger-how-brief-connections-boost-happiness
85. https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rstb.2021.0441#RSTB20210441C59
86. https://behavioralscientist.org/solitude-is-a-skill/